20. Oktober 2024
Neunundzwanzigster Sonntag
im Jahreskreis
Jahr B
Im Gegensatz zur Mentalität der Welt, die auf Macht und Bestätigung beruht, bringt Jesus die große Alternative des demütigen und selbstlosen Dienens.
DAS WESEN DER KIRCHE
Die Lesungen dieses Sonntags bieten uns zunächst ein dreifaches christologisches Profil: Jesus wird als Knecht JHWHs (erste Lesung), Hoherpriester (zweite Lesung) und Menschensohn (Evangelium) vorgestellt. Daneben gibt es auch eine Definition des Wesens der Kirche (in Kontinuität zu Mk 9,30-50). Die heutige Perikope zeigt die Spannung, die sich durch die apostolische Gruppe zieht, weil die beiden Brüder Jakobus und Johannes den Meister bitten, mit ihm in der Herrlichkeit zu sitzen. Jesus ruft dann die Jünger zu sich, wie er sie nach der Reaktion des Petrus in Cäsarea Philippi (vgl. Mk 8,34) und der Diskussion darüber, wer der Größte sei (vgl. Mk 9,35), zu sich gerufen hatte. Es ist kein Geheimnis, aber die Jünger sind von der Mentalität der Welt durchdrungen, die auf Macht und Bestätigung beruht, während Jesus die große evangelische Alternative des demütigen und selbstlosen Dienstes an allen in die Geschichte einführen will. Jesus stellt diese beiden Visionen einander gegenüber und sagt mit Nachdruck: „Aber bei euch ist es nicht so“ (Mk 10,43). Achten wir auf diese sehr wichtige Aussage. Hier formuliert Jesus weder einen Wunsch noch eine Ermahnung; er drückt weder eine Hoffnung noch einen Befehl aus. Nein, hier verwendet der Meister das konstitutionelle Präsens. Das bringt uns zum Nachdenken. Und warum? Weil es sonst keine christliche Nachfolge und damit kein christliches Leben und schon gar keine christliche Gemeinschaft gibt. Im evangelikalen Raum findet ein echter Umsturz der Werte statt, und zwar deshalb, weil Gott ihn regiert. Und wenn es wahr ist, dass Gott regiert, kann es keinen Platz für andere Herrschaften geben. Der einzige Raum ist der des Dienstes an Gott und den Menschen. Wer groß sein will, macht sich also zum Diener (diakonos), wer der Erste sein will, macht sich zum Sklaven (doulos). Dies ist die Verfassung der Kirche Christi: Jeder ist Diener aller. Sine glossa.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster