28. April 2024
Fünfter Sonntag der Osterzeit
In Christus zu bleiben bedeutet, ihm treu zu sein, es bedeutet, eine ständige, aktive und kreative An-hänglichkeit an ihn anzustreben.
IN DER TREUE BLEIBEN
An diesem fünften Sonntag der Osterzeit wollen wir uns auf eine Zusage Jesu konzentrieren: „Bleibt in mir und ich in euch“ (Joh 15,4). Wir wollen uns zunächst mit dem Verb „bleiben“ (menein) be-schäftigen. Bekanntlich spiegelt dieses Verb (das in unserem Text sehr häufig vorkommt) eine Be-ziehung zu Christus wider, die von Stabilität geprägt ist. Diese Beständigkeit hat ein Geheimnis: die Treue. In Christus zu bleiben bedeutet, Christus treu zu sein. Jesus weiß sehr wohl, dass die Jünger in der Zeit seiner Abwesenheit gerade in ihrer Treue zum Meister und damit zum Evangelium ge-prüft werden. Wie können wir ihm also durch die Irrungen und Wirrungen der Geschichte hindurch treu bleiben? Zunächst müssen wir klären, was Treue ist. Treue ist ein völliges Festhalten des Ichs am Du; ein Festhalten, das so stark ist, dass die Zeit es nicht abnutzt, nicht verzehrt, nicht gefährdet, sondern verwurzelt und vertieft. Ein Festhalten, das durch keine noch so große Prüfung verbogen oder zerkratzt wird. Was bedeutet das für uns? Dass Treue sicherlich keine statische, sondern eine dynamische Dimension innerhalb der Beziehung ist. Treue ist auch ein aktives Festhalten. Warum aktiv? Weil sie nicht von ihrem Einkommen lebt, sondern sich täglich dafür einsetzt, dem Ruf des Herrn zu folgen. Sie ist auch ein ständiges Festhalten, denn ihm treu zu sein bedeutet, die ihm ge-genüber eingegangene Liebesverpflichtung konsequent zu erfüllen. Die Treue ist also durch Konti-nuität gekennzeichnet. Nicht zuletzt ist die Treue ein kreatives Festhalten. Ja, treu zu sein bedeutet nicht, ein Skript zu rezitieren, sondern in seiner Beziehung zum Meister zu wachsen (und zu wol-len). Natürlich mag das manchen utopisch erscheinen, und das ist es auch, wenn man vergisst, dass Jesus in der allerhöchsten Handlung seines Opfers seinen Geist ausgegossen hat: „Und er neigte sein Haupt und gab den Geist hin“ (Joh 19,30). Der Ausdruck parédoken tò pnéuma bedeutet wörtlich: „Er übergab den (Heiligen) Geist“. Das Verbleiben in Christus ist also gleichbedeutend mit dem Verbleiben in der Gnade dieser Gabe, die nicht nur den Meister mit den Jüngern in einer gegenseitigen Immanenz verbindet, sondern eine einzigartige und einzigartige Beziehung begründet, in der alle Einsamkeit überwunden wird und in der jeder von uns seine authentischste Fülle findet.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster