24. September 2023

25. Sonntag
im Jahreskreis

Jahr A

Gnade ist einer der Namen der göttlichen Gerechtigkeit.

EIN UNGEWÖHNLICHES GESICHT GOTTES

Das heutige Gleichnis offenbart uns zwei präzise Züge des Antlitzes Gottes. Das erste zeigt sich in der gereizten Reaktion des Arbeiters, der zur ersten Stunde gerufen wird (vgl. Mt 20,12) und dem der Meister antwortet, er habe niemandem Unrecht getan, sondern nur das gegeben, was vereinbart war. Das zweite wiederum zeigt sich in der Antwort des Meisters, der die Anmaßung des Arbeiters mit den Worten erwidert: „Bist du neidisch, weil ich gut bin?“ (Mt 20,15). Hier trifft der Meister den Nagel auf den Kopf: Der Protest, der sich mit einer gewissen Gerechtigkeit schmückt, ist in Wirklichkeit von Neid motiviert. Aber der Meister ist gut, er hat ein Maß, das über die Enge der Verhältnismäßigkeit hinausgeht. Was soll das bedeuten? Dass Gott dem gerechten und sündigen Menschen in einer Unentgeltlichkeit begegnet, die dem Recht nicht widerspricht, sondern es abschwächt. Nur wenn man sich auf dieses Maß einlässt, kann man den Gott des Jesus von Nazareth erkennen. Der Sinn des Gleichnisses ist also offensichtlich. Jesus findet sich vor den Pharisäern wieder, die sich für gerecht halten und sich über die Praxis des Meisters empören, der die Sünder (die der letzten Stunde) aus freien Stücken zum Heil ruft. Die Geschichte zeigt auch, wenn man so will, eine Spannung innerhalb der Gemeinde des Matthäus, zwischen den jüdischen Konvertiten zum Christentum und den heidnischen Christen. Erstere wollten ein gewisses Recht gegenüber den bekehrten Heiden beanspruchen, da das Heil von den Juden kommt (vgl. Joh 4,22). Aber das Reich, das Jesus einführen wollte, ist Geschenk und nicht Lohn, es ist universell und nicht partikular, es ist unentgeltlich und nicht erobert. Doch kommen wir noch einmal kurz auf die Güte Gottes zurück, die Jesus zum bestimmenden Faktor des göttlichen Handelns macht. Die Güte des Vaters erweckt unsere Güte gegenüber dem Nächsten oder sollte sie erwecken. Der gute Mensch, wie Gott, lässt auch die Wüste um ihn herum aufblühen. Tertullian erinnert uns daran, dass die Güte die ersten Christen so stark charakterisierte, dass die Heiden sie aufgrund der Transparenz und des Glanzes ihrer chrestotès (Güte) nicht christianoi, sondern chrestianoi nannten, d. h. diejenigen, die das Gesicht der Güte und der Liebe haben. Wir haben verstanden, dass die göttliche Güte, die in unserem Leben demütig bezeugt wird, die gültigste Verkündigung der Ankunft des Reiches Gottes ist.

Kommentar von b. Sandro Carotta, osb Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster

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