19. März 2023
Vierter Fastensonntag
Jahr A
Der Glaube ist ein Geschenk, ein großes Geschenk, und gleichzeitig eine Verpflichtung. Wie der Blinde können wir zu Jesu Verkündigung ja oder nein sagen.
Wenn am dritten Fastensonntag das Symbol des Wassers vorherrschte, so sind wir heute mit der langen Erzählung von der Heilung und Bekehrung des Blindgeborenen (vgl. Joh 9,1-41) vor das Bild des Lichts gestellt. Der Kontext ist das Fest, bei dem Gott für die Ernte gedankt und das messianische Zeitalter angekündigt wurde. An diesem Tag wurde aus dem Teich von Siloah Wasser geschöpft, das über den Altar gegossen wurde, und am Abend wurden Fackeln angezündet, die an den Tempelmauern angebracht wurden, um die ganze Stadt zu erleuchten. Das Wasser von Siloah und das Licht sind zwei Elemente, die wir in unserem Bericht finden. In Siloah offenbart sich Jesus als der Gesandte, ein christologischer Titel, der dem Johannesevangelium wichtig ist. Jesus kommt vom Vater (vgl. Joh 3,13), er verkündet seine Worte (vgl. Joh 3,34), er vollbringt sein Werk (vgl. Joh 4,34). Er verkündet sich auch als das Licht der Welt (vgl. Joh 9,5), zu dem nicht nur Israel, sondern die ganze Welt aufgerufen ist, sich ihm zu nähern. In dieser Selbstoffenbarung stellt sich Jesus also auch als der Knecht JHWHs vor, der kommen wird, um die Augen der Blinden zu öffnen (vgl. Jes 42,6). Das Öffnen der Augen ist eine spezifisch messianische Handlung (vgl. Jes 6,9-10). Die Geste, die Jesus an dem Blinden vollzieht, ist jedoch nicht nur therapeutisch. In der Sprache des vierten Evangeliums bedeutet sehen, dass man zum Glauben kommt. Und es ist der Glaube, das ist die große Botschaft, der den Menschen vollendet. Der dänische Philosoph Kierkegaard schrieb, der Glaube sei die höchste Leidenschaft des Menschen. Es gibt vielleicht in jeder Generation viele Menschen, die es nicht erreichen, aber keiner geht darüber hinaus. Für Kierkegaard ist der Glaube der Höhepunkt der Leidenschaft des Menschen, d. h. seiner Hingabe an die Suche nach der Wahrheit. Aus dem Glauben erwächst das Verständnis für das Warum der Dinge (Wissen über die Wirklichkeit), für die Art und Weise, wie wir leben und in die Welt gehen sollen (ethisches Wissen), und für den eigentlichen Sinn des Lebens (eschatologisches Wissen). Der Glaube ist ein Geschenk, also ein großes Geschenk, und gleichzeitig eine Verpflichtung. Es ist kein Zufall, dass der blind geborene Mann zum Waschen an den Teich geschickt wird. Es liegt also an ihm, durch sein freies Handeln Ja oder Nein zu Jesu Verkündigung, zu seinem rettenden Handeln, zu sagen, wie Silvano Fausti gut zusammenfasst, wenn er sagt, dass die sich daraus ergebende Erleuchtung sowohl das Handeln Gottes, der die Freiheit ermöglicht, als auch des Menschen, der sie frei annimmt, ist.
Kommentar von b. Sandro Carotta, osb Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster