11. Dezember 2022
Dritter Adventssonntag
Jahr A
Um zu Jesus zu gelangen, muss man sich der Hoffnung hingeben, um zur messianischen Erfüllung zu gelangen.
„Das Schwierige ist, zu hoffen – mit leiser und beschämender Stimme. Es ist leicht, zu verzweifeln, und das ist die große Versuchung.“ Dies sind die Worte des französischen Dichters Péguy, der sich in seinem berühmten Gedicht „Portikus des Geheimnisses der zweiten Tugend“ mit der Hoffnung der kleineren Schwester des Glaubens und der Liebe beschäftigt. Die verblüffte Frage von Johannes dem Täufer: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3) stellt uns zunächst vor eine Hoffnung. Der Nazarener erbarmt sich der Sünder und setzt sich mit Zöllnern und Sündern zu Tisch. Vielleicht ist es gerade dieses Übermaß an Barmherzigkeit, das Jo-hannes verwirrt. Und das ist verständlich, denn es ist nicht leicht, an Gottes Barmherzigkeit zu glauben, wenn man Opfer der Arroganz der Bösen oder der triumphierenden Bösen ist. Die Erwar-tung des Vorläufers, wie sie in seiner Verkündigung zum Ausdruck kommt, unterscheidet sich von der Erfüllung, die Jesus gebracht hat. Aber in seiner Antwort macht Jesus Johannes und seinen Jün-gern klar, dass die Hoffnung durch eine prophetische Sicht der Geschichte genährt wird. Auch der Jakobusbrief (Jak 5,7–10) spricht vom geduldigen Warten. Zweimal erinnert er uns daran, dass der Herr nahe ist. Aber Vorsicht: Die Unmittelbarkeit ist nicht chronologisch, sondern theologisch. Mit Sicherheit wird der Herr kommen; das ist eine Tatsache des Glaubens. Weder der Tag noch die Stunde sind bekannt, nur dass das Warten in brüderlicher Liebe gelebt werden muss.
Commentary by b. Sandro Carotta, osb Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster