30. Oktober 2022
31. Sonntag im Jahreskreis
Jahr C
Die moralische Bekehrung ist nur der erste Schritt auf dem Weg der vollständigen Bekehrung, die unser Menschsein zu seiner vollen Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer hinführt.
Der Apostel Paulus führt uns mit seinem Gebet in die Betrachtung einer der bewegendsten Erzählungen des Lukasevangeliums ein: Wir beten unablässig für euch, damit unser Gott euch seiner Berufung würdig macht. Die Begegnung von Zachäus mit dem Herrn Jesus scheint die Erfüllung der Sehnsucht zu sein, die im Herzen eines jeden Mannes und einer jeden Frau wohnt und die von so weit her kommt: aus der Tiefe unseres Wesens. Der Herr hat ein so feines Gespür für unsere tiefste Sehnsucht, dass er uns auf unserem Bekehrungsweg ermutigt, indem er uns beim Namen nennt und sich selbst einlädt: Heute muss ich bei dir einkehren. Der Aufenthalt Jesu im Haus des Zachäus, wie auch in unserem Leben, ist nicht nur ein Grund zur Freude, sondern setzt auch den inneren Prozess der Umkehr auf ganz natürliche Weise in Gang. Es liegt in der Natur der Dinge und der Menschen zu lieben, zu dem Gott zurückzukehren, der alle Dinge liebt und vergebend ist, weil er der Liebhaber des Lebens ist. Ein Leben lang versucht man, ein wenig höher zu klettern, um den eigenen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden. Ein ganzes Leben lang wird anderen etwas auferlegt – eine immer höhere Steuer! – um sich von dem Gefühl der ständigen Zumutung zu befreien, das Zachäus seit seiner Kindheit beim Klettern auf den Platanen von Jericho mit seinen Gefährten, die ihn vielleicht wegen seiner Kleinwüchsigkeit hänselten, auf sich lastete. Der Herr Jesus lässt sich auf dieses Spiel ein – das nichts anderes ist als ein Mittel gegen den Schmerz – und er tut es mit einem Wort, das Zachäus, so scharf es auch klingen mag, als echte Befreiung empfunden haben muss.
Kommentar von d. Michael David, osb Novalesa Abtei
Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster