18. Februar 2014
Erster Sonntag
in der Fastenzeit
Jahr B
Für Jesus ist die Wüste in erster Linie ein Kampf gegen die weltliche Herrschaft.
DIE WÜSTE
In dieser Fastenzeit werden wir bestimmte Symbole hervorheben, die in den Evangelien besonders deutlich werden. An diesem ersten Sonntag konzentrieren wir uns auf die Wüste, von der wir drei Aspekte herausstellen wollen: die Wüste als Kampf gegen die Götter; die Wüste als Konsolidie-rung der Berufung; die Wüste als Wiedergewinnung der Innerlichkeit. Die Wüste gestaltet sich für Jesus zunächst als Kampf gegen die herrschenden Kräfte der Welt. Zunächst die Macht, die sich durch Gewalt durchsetzen will, dann die Selbstliebe, die zu narzisstischem Rückzug führt, und schließlich die antimessianische Logik, die den Kreuzweg – als via amoris – verhindern will, um den Weg des Triumphalismus zu gehen. Diese Dominanten bestimmen auch heute noch den Weg der christlichen Gemeinschaft. Aber sie sind nicht die einzigen. Denken wir an die Logik des Utili-tarismus, der den Menschen auf ein bloßes Werkzeug reduziert; an den Konsumismus (ein faszinie-rendes und verführerisches Idol), der die Idee propagiert, dass Glück gleich Sättigung ist. Daraus ergibt sich für den Christen die Notwendigkeit einer positiven Askese, der Wachsamkeit, der Un-terscheidung und des geistigen Kampfes. In der Wüste hat Jesus seine Berufung zur Taufe gefes-tigt; dabei wurde er sich seiner Gottessohnschaft und seiner messianischen Sendung bewusst. Jesus erlebte die Wüste von Angesicht zu Angesicht mit der Versuchung, aber auch mit dem Wort Got-tes, das für ihn zur Grundlage und zum Ziel seines Handelns und Wirkens wurde. In der Wüste (midbar), sagt die jüdische Tradition, hört man den, der spricht (medabber). Die Stille zu finden bedeutet also, Räume der inneren Stille zu schaffen, die Zentralität des Wortes Gottes zu erkennen und das Antlitz des Nächsten als Inkarnation des Antlitzes Gottes zu entdecken. Daraus ergibt sich der dritte Schritt, die Entdeckung der eigenen Innerlichkeit, der eigenen tiefen Seele. Die Inner-lichkeit ist nicht nur die verborgene Seele der menschlichen Existenz, sondern, um einen Vers der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson zu zitieren, das, was uns die Transzendenz als unver-hüllte Immanenz begreifen lässt. Als Ikone für diesen ersten Fastensonntag verweisen wir auf Iwan Kramskojs Christus in der Wüste (1872). Bei der Prüfung, die Christus ergreift, geht es weder um Brot noch um Macht, sondern um das Nichts. Jesus ist allein zwischen den Felsen der Wüste und sinnt über sein Schicksal inmitten der absoluten Stille Gottes nach.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster