23. Oktober 2022
Dreißigster Sonntag im Jahreskreis
Jahr C
Das Gebet, wenn es in dem Sinne authentisch ist, dass es in der Wahrheit unseres Lebens verwurzelt ist, macht uns demütig und damit wahrhaftig.
Was kann uns der Zöllner, den uns Jesus im Gleichnis dieses Sonntags vorstellt, wohl lehren? Er ist sich seiner Sünden bewusst, aber im Gegensatz zum Pharisäer hat er nichts aufzuzählen. Die Liste wäre vielleicht zu lang und sicher nicht so ehrenvoll wie die desjenigen, der sich vor Gott mit seinen Verdiensten brüstet, während er sich gut auf Distanz hält. Das Ergebnis des Gleichnisses scheint jedoch zu sein, dass der Herr sich von dem Pharisäer entfernt und sich stattdessen dem Zöllner zuwendet, der wirklich und bewusst die göttliche Gegenwart braucht. Es scheint, dass sich das Wort von Jesus Sirach in umgekehrter Weise erfüllt: Der Herr kommt denen, die sich so weit entfernt fühlen, dass sie auf Distanz bleiben, immer näher, wie Paulus bezeugt, der jetzt wie ein Opfer ausgegossen werden soll. Paulus, der überzeugte und glühende Pharisäer, erinnert uns mit seiner Erfahrung daran, dass es möglich ist, den Zöllner in uns hervortreten zu lassen, durch dessen demütiges und wahrhaftiges Gebet der Herr unser Leben schließlich bis zu dem Punkt retten kann, dass wir gerechtfertigt sind in der Erkenntnis, dass er nicht gerecht ist. Paulus erinnert uns nicht nur mit seinen Worten, sondern vor allem mit dem Zeugnis seines Lebens daran, dass es möglich ist, die Figur des Zöllners, die wir sind, in uns auftauchen zu lassen, trotz des Pharisäers, der immer versucht, die ganze Szene zu übernehmen. Das demütige Gebet ruht nicht und hört nicht auf – bis der Allerhöchste eingreift –, die richtigen Proportionen unseres Selbstverständnisses wiederherzustellen und zu lernen, dass wir uns keinesfalls zum Richter über andere machen können.
Kommentar von d. Michael David, osb Novalesa Abtei
Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster