25. Dezember 2024
Weihnachten
Die Kluft zwischen dem Wort Gottes und dem Menschen ist überwunden, denn das Wort ist Fleisch geworden.
DIE ÜBERWINDUNG DER KLUFT
Du dämmerst,
aus dem der erste Morgen kam.
—R. M. Rilke
In der christlichen Sichtweise haben sich Ewigkeit und Zeitlichkeit im Christusereignis getroffen. Es ist die Ewigkeit, die dank des fleischgewordenen Gottessohnes in die Zeit eingetreten ist; er hat sie natürlich nicht aufgehoben, aber er hat sie resigniert und so jeden Menschen zur vollen Selbstverwirklichung in der Teilhabe am Unendlichen geführt. Und gerade wegen dieser Überschneidung von Ewigkeit und Zeit ist kronos als Faktizität und quantitative Zeit zu kairos, der qualitativen Zeit, geworden, insofern sie ständig von dem Einen besucht wird, der der Kommende und der Emmanuel ist. Mit der Menschwerdung wurde die griechische Zyklizität durchbrochen und die Geschichte eröffnet, in der Gott zur freien und verantwortlichen Mitarbeit aufruft. Daraus ergibt sich die Schönheit des Gefühls, Partner eines Gottes zu sein, der uns auf dem Weg zum Reich Gottes begleitet. Aber das ist noch nicht alles. Die Inkarnation wird in der Auferstehung vollendet. In ihr taucht die Zeit in das Ewige ein, jenes Ewige, das die menschliche Geschichte von jeder Gefahr des Nihilismus und des Todes erlöst hat. Und so hat der wenn auch brüchige menschliche Rhythmus Sinn und Richtung gefunden. Karl Rahner schrieb: „In die Welt und in das Leben ist ein Ereignis eingebrochen, das alles verändert hat, was wir Welt und Leben nennen, und das allein allem einen Sinn und ein Ende gegeben hat, das dem „Nichts Neues unter der Sonne“ des alten Predigers und dem vom modernen Philosophen verkündeten Grau der ewigen Wiederkehr ein Ende gesetzt hat“. Der Mensch befindet sich zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, der Zeitlichkeit und der Ewigkeit, zwischen dem historischen Realismus und dem unaufhaltsamen Streben nach dem Endgültigen. Die Menschwerdung zu feiern bedeutet also, dem Fleisch, d. h. der menschlichen Existenz, wie sie sich in dramatischer Weise oft bietet, treu zu sein und den Blick auf die Erfüllung zu richten. Der feierliche johanneische Prolog, den wir heute in unseren Versammlungen hören werden, hebt die große Umkehrung hervor, die mit der Menschwerdung des Gottessohnes (Logos) eingetreten ist. Es muss bekannt sein, dass für die jüdische Kultur das Wort Gottes unveränderlich und ewig ist, während der Mensch zerbrechlich und wesenlos ist. Zwischen dem Wort und dem Menschen klafft daher ein Abgrund. Doch nun ist die Kluft überwunden, denn das Wort ist Fleisch geworden, wie wir gesagt haben. Und nicht nur das. Johannes erklärt, dass die Herrlichkeit Gottes nur im Fleisch Jesu von Nazareth zu sehen ist, so dass der Mensch nicht länger eine Hülle ist, die man durchschreitet und dann zurücklässt, um zur Herrlichkeit zu gelangen. Nicht zuletzt erhalten diejenigen, die Christus annehmen, die Fähigkeit (exousia), Kinder Gottes zu werden (Joh 1,12).
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster