1. Dezember 2024

Erster Adventssonntag

Jahr C

Jeder von uns ist nicht durch seine Vergangenheit bestimmt, sondern durch die Zukunft, durch das, was Christus für uns und mit uns tun wird.

FÜR DIE ZUKUNFT

Für das Christentum, das einzige der Modernen, das man unzweideutig erkennen kann
das Ende der Welt als eine sichere Sache, es gibt kein Ende der Welt.
Das Ende der Welt ist das Ende dieser Welt,
das ist letztlich das Ende unseres Elends.

E. Mounier

 

In jedem Menschen lebt eine Erwartung; eine Erwartung, die aus einer Erfahrung der Ohnmacht oder aus der Erkenntnis entsteht, dass die Gegenwart, so wie sie ist, nicht ausreicht. Ein sehr berühmter Text von Salvatore Quasimodo drückt dies sehr gut aus: „Jeder steht allein im Herzen der Erde / durchbohrt von einem Sonnenstrahl: / und es ist gleich Abend“. Die Adventszeit hilft uns zu erkennen, dass einer diese Erwartung erfüllen kann, einer, dessen Gesicht und Namen wir kennen: Jesus Christus. Wenn es stimmt, dass wir uns als Christen durch unsere Beziehung zu ihm definieren lassen, durch die Liebe, die wir für ihn empfinden, und das Vertrauen, das wir in ihn setzen, dann wissen wir, dass er gekommen ist, dass er heute kommt und dass er am Ende der Geschichte kommen wird. Vor uns steht also nicht das Nichts, sondern eine gewisse Hoffnung, die sich auf eine Verheißung gründet: „Ja, ich werde bald kommen“ (Offb 22,20). Nur auf diese Weise kann sich das vom Dichter erlittene „Alleinsein im Herzen der Erde“ für eine Gegenwart der Gemeinschaft schon jetzt öffnen. In Christus trifft also die Erwartung des Menschen auf die Ankunft Gottes. Und wenn Christus uns zu Männern und Frauen der Hoffnung macht, dann verstehen wir auch, dass jeder von uns (denken wir gut nach) nicht von seiner Vergangenheit bestimmt wird (jener Vergangenheit, die auf uns vielleicht seit unserer Jugend lastet), sondern von der Zukunft, von dem, was Christus für uns und mit uns wirken wird. Aber das Kommen des Herrn verlangt von uns Geduld, denn wir kennen weder den Tag noch die Stunde. Und die Geduld, die so notwendig ist, ist die Kunst, das Unfertige, das Teilweise und das Fragmentarische zu leben, ohne jemals zu verzweifeln. Aber nicht nur das: Die Geduld hält nicht nur die Zeit unseres Daseins aufrecht, sondern sie umarmt auch den anderen, den Bruder oder die Schwester, das heißt, sie erzieht uns zu einem Weg der Gemeinschaft und der Solidarität. Eine letzte Bemerkung. Paulus betont oft, dass das Warten auch von Liebe geprägt sein muss, von einer glühenden Liebe zum Herrn (vgl. Röm 8,19). Nur so wird der Gläubige jeden Morgen neu jung, flieht nicht vor der Welt, sondern flieht mit der Welt in die Zukunft Gottes.

Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster

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