13. Oktober 2024
Achtundzwanzigster Sonntag
im Jahreskreis
Jahr B
Die Liebe Jesu ist eine vorauseilende, freie und vollkommene Liebe. Eine Liebe, die den reichen Mann verunsichert und ihn einem Risiko aussetzt, das jede große Liebe mit sich bringt.
DAS RISIKO ZU LEBEN, IHN ZU LIEBEN
Eine der grundlegenden Wahrheiten des Christentums,
Wahrheit, die allzu oft missverstanden wird, ist diese:
Was rettet, ist der Blick.
Simone Weil
Was muss man tun, um das ewige Leben zu erben? – fragt ein Mann Jesus. Der Meister antwortet auf zweierlei Weise: mit seinem Blick und seinen Worten: „Da sah ihn Jesus an, liebte ihn und sagte zu ihm …“. (Mk 10,21). Der Blick Jesu drückt aus, was in seinem Herzen lebt: Liebe. Und Markus verwendet hier ein wichtiges und bedeutungsvolles Verb: ēgapēsen. Die Liebe Jesu ist eine vorauseilende, freie und vollkommene Liebe. Einige lateinische Kodizes haben neben ēgapēsen osculatus est eum („und er küsste ihn“) hinzugefügt, um die tiefe Zuneigung und Bewunderung des Meisters von Nazareth zu betonen. Diese Liebe bringt die unsere, die, wie wir später erfahren werden, reich ist, durcheinander. Ja, denn er erkennt, dass die Liebe Jesu nicht nur unentgeltlich ist, sondern auch anspruchsvoll, denn sie verlangt, dass man alles verlässt, um ihm allein zu folgen. Und so wird er traurig, weil er viele Besitztümer hat. Die Traurigkeit, so können wir sagen, entsteht in ihm aus zwei gegensätzlichen Antrieben: Er fühlt sich von Jesus angezogen, aber gleichzeitig spürt er auch die Anziehungskraft der Güter, dessen, was das Leben ihm gegeben hat. Aber das Drama liegt nicht nur hier, sondern in der Tatsache, dass er die Macht des Blicks des Meisters nicht begreift, der ihn vom bloßen Haben zum Sein, vom „verkaufe, was du hast“ zum „folge mir nach“ übergehen lässt. Der Grund für sein Scheitern liegt also nicht so sehr im Reichtum, sondern darin, dass er das Risiko nicht begreift, das jede große Liebe mit sich bringt. Und genau daran mangelte es seiner erhabenen Großzügigkeit. Ohne Risiko implodiert man in sich selbst und sucht Sicherheit und Halt in den Dingen. Aber das ist die größte Illusion und sättigt das Herz gewiss nicht. In einem Fragment von Renzo Barsacchi lesen wir: „Sein Feuerfinger hat mich gezeichnet. Von Wunde zu Wunde …. Das Risiko leben, ihn zu lieben“. Das ist die verwundete Schönheit des Christentums.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster