22. September 2024
Fünfundzwanzigster Sonntag
im Jahreskreis
Jahr B
Nach Jakobus gilt es, die wahre von der falschen Weisheit zu unterscheiden, um moralische Vollkommenheit anzustreben.
DIE WURZEL DER ZWIETRACHT
Was ist es, das manchmal die persönliche und gemeinschaftliche Stabilität bedroht? Eine klare und eindeutige Antwort finden wir in der zweiten Lesung der heutigen Liturgie (vgl. Jak 3,16-4,3). Der Apostel hat eine Gemeinschaft vor sich, die ernsthafte interne Probleme hat. Er spricht sogar von Kriegen und Streitigkeiten. Er hebt sofort die Ursache hervor: die Leidenschaft (hedoné). Aber was ist mit hedoné gemeint? Das übermäßige Verlangen nach Vergnügen? Die Selbstbestätigung auf Kosten der anderen? Auch das. Nach Mussner umfasst der Begriff der Hedoné jene sittliche Verkommenheit, die die verschiedensten Leidenschaften aufweist. Sie äußert sich in der Seele als Prahlerei, Geldgier, Ehrgeiz, Streitsucht und Verleumdung und im Körper als gieriges Essen und Verschlingen und Selbstbetrug. Kurz gesagt, die Leidenschaft ist ein Feuer, das ein Ungleichgewicht im Inneren und Äußeren des Menschen erzeugt, mit Folgen, die wir ohne zu zögern als tragisch bezeichnen. Jakobus zählt einige von ihnen auf. An erster Stelle steht der Hass. Die Leidenschaft führt dazu, dass man seinen Nächsten hasst (vgl. Jak 4,4). Und warum? Ganz einfach, weil er als Hindernis für das eigene Streben nach Macht und Herrschaft empfunden wird. Die zweite Folge ist der innere Kampf, denn die Leidenschaften (hedonai) kämpfen in den Gliedern (vgl. Jak 4,1) und versuchen, ihre Herrschaft durchzusetzen. Wenn keine Reaktion erfolgt, kommt es zum Zerfall des Subjekts und folglich der Gemeinschaft. Tief gespaltene Personen bringen unweigerlich Brüche in das gemeinsame Leben, sie sind wie verrenkte Knochen, die den Weg der Gemeinschaft verlangsamen und manchmal – das ist keine Übertreibung – bis hin zur Vernichtung verstellen. Die letzte Konsequenz ist die bittere Erkenntnis einer besiegten Existenz. Das Scheitern, das vom Betroffenen mehr oder weniger anerkannt wird, führt dann unweigerlich zu Depressionen mit all ihren traurigen Folgen. In all dem zeigt sich die Beziehung zu Gott als anstrengend. Jakobus schreibt nämlich: „Bittet, und ihr werdet nichts erhalten“ (Jak 4,3). Man bekommt nichts, nicht weil Gott nicht antwortet, sondern weil der Glaube so fade und widersprüchlich geworden ist, dass er das Leben nicht mehr prägt und dem Leben und Sterben keinen Sinn mehr gibt. Der weltliche Mensch, so scheint uns der Apostel zu sagen, betet schlecht, mit einer verkehrten Absicht, ohne sich dessen bewusst zu sein: Er wendet sich an Gott, um ein Leben aufrechtzuerhalten, das seinen Prinzipien zuwiderläuft. Welche Therapie steht also am Ende dieser kurzen Abhandlung über die Hedonistik? Jakobus ermahnt uns, der wahren Weisheit zu folgen, die von oben und nicht von unten kommt. Wie ist sie zu erkennen? Die Weisheit, die von oben kommt, ist vergebend und tolerant, fügsam und gehorsam, barmherzig und nicht diskriminierend. Wahre Weisheit ist vor allem anupokritos, fremd gegenüber jeder Simulation.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster