5. Mai 2024

Sechster Sonntag der Osterzeit

Die brüderliche Liebe ist ein Sakrament der Gegenwart des Auferstandenen unter den Seinen, das glaubwürdigste Zeugnis für das neue Leben, das Ostern begonnen hat.

DIE GRÖSSTE LIEBE

Der heutige Abschnitt des Evangeliums ist eine Fortsetzung des letzten Sonntags und stellt die praktische Anwendung des Bildes vom Weinstock und den Reben dar. Begriffe wie „lieben“, „Lie-be“, „Freunde“ unterstreichen das Thema der brüderlichen agape, die in Jesus ihr Vorbild und ihre Qualität hat. Die Liebe Christi übertrifft jede andere Liebe; sie ist unbegrenzt, frei, ohne Gegen-leistung und hat eine Priorität: die Jünger. Sie werden von seiner Liebe angezogen und offenbaren sich nicht mehr als Diener (es gibt kein Verhältnis der Unterwerfung oder Unterordnung), sondern als Freunde (philoi), bis hin zur Teilhabe an der gleichen Beziehung, die Jesus mit dem Vater ver-bindet (vgl. Joh 15,15). Aus dieser Bindung heraus sind die Jünger (aber in ihnen alle Gläubigen) aufgerufen, die empfangene Liebe gegenseitig zu bekunden. Und zwar nicht so sehr aus morali-schen Instinkten heraus, sondern als Folge ihres Einsseins in Gott, der die Liebe ist. Aber das ist noch nicht alles. Die brüderliche Liebe ist ein Sakrament der Gegenwart des Kyrios, das heißt des Auferstandenen unter den Seinen, das glaubwürdigste Zeugnis des neuen Lebens, das in der Oster-zeit des Meisters begonnen hat. Ubi caritas et amor – wird in der Liturgie gesungen – Deus ibi est. Was aber ist die Dynamik? Die Liebe wird immer als Gabe und Annahme der Gabe artikuliert. Aber was bedeutet es, zu geben? Ganz einfach: sich selbst zu schenken, ja, denn die Liebe ist nicht ein Modus des Habens, sondern des Seins. Man kann eine Person mit vielen Dingen bedecken, oh-ne sie zu lieben. Der Modus des Seins hingegen kann auch geben, ohne etwas auf der Ebene der Dinge zu geben. Zum Beispiel ist ein Lächeln auf der Ebene des Habens wenig, aber auf der Ebene des Seins kann es viel ausdrücken. Wenn die Liebe Geschenk und Annahme des Geschenks ist, dann ist der Nächste kein Er, mit dem ich in der dritten Person spreche und Abstand halte; er ist kein Objekt, das ich benutze; er ist kein Wer auch immer, undeutlich und gesichtslos; er ist kein Element des Lebens, eines von vielen; er ist kein Konkurrent, den es zu verdrängen, kein Rivale, den es zu überwinden gilt, sondern ein Gefährte, mit dem man teilt, ein Ich, mit dem man solidarisch ist, ein Freund, mit dem man das Leben gemeinsam gestaltet. Das ist der Anbruch von Ostern, die Ankunft der neuen Kreatur.

Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi, 
Abtei Kornelimünster

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