21. April 2024
Vierter Sonntag der Osterzeit
Christus ist glorreich und gekreuzigt zugleich. Wir dürfen diese beiden Eigenschaften niemals voneinander trennen, um sein wahres Gesicht nicht zu verstellen.
DER GUTE HIRTE
Im heutigen Evangelium erscheint Christus als der gute Hirte. Ich möchte diesen guten Hirten nä-her betrachten und zwar (da wir es mit einem literarischen Bild zu tun haben) ausgehend von ei-nem qualifizierenden Adjektiv, das im Griechischen – der Sprache, in der die Evangelien geschrie-ben sind – kalos heißt. Dieses Adjektiv wurde unterschiedlich kann mit gut, geeignet und nicht zu-letzt mit schön übersetzt werden. So sagt Christus von sich: „Ich bin der gute Hirte“. Aber was meint er? Statt vom guten Hirten können wir auch vom schönen Hirten sprechen. Gehen wir Schritt für Schritt vor. Wir Christen dürfen nie vergessen, dass Jesus nicht nur ein ethisches Vorbild ist, das uns inspirieren soll, sondern vor allem ein Geheimnis, das uns in Erstaunen versetzen und anziehen soll. Wenn wir die Evangelien aufschlagen, kommt nicht zum Vorschein, dass Jesus die-jenigen, die ihm folgten, zu Fanatikern machte. Jesus eroberte seine Gesprächspartner, und erober-te sie, wobei er ihre Freiheit stets unangetastet ließ. Dies ist ein grundlegender Aspekt in der Nach-folge des Evangeliums und entspricht auch einem anthropologischen Knotenpunkt, den der heilige Augustinus gut herausgearbeitet hat, als er schrieb, dass der Mensch, jeder Mensch, immer nach dem handelt, was ihm am besten gefällt. Augustinus sprach von delectatio victrix (Freude, die fes-selt). Christus muss also für uns immer mehr zu einem Vergnügen werden, das fesselt, das unwider-stehlich anzieht und deshalb siegt. Aber die Schönheit hat zwei Gesichter, wie uns schon die alten Griechen gelehrt haben: Sie ist apollinisch und dionysisch, harmonisch und chaotisch, leuchtend und düster. Rilke sagte, dass „die Schönheit nichts anderes ist als der Anfang des Ungeheuren“. Wer Christus betrachtet, sieht also diesen doppelten Aspekt: Einerseits sieht er die Schönheit, die aus seinem Leben strahlt. Christus zieht seine Gesprächspartner an, weil er das Leid, das sie durch-läuft, versteht, weil er die Wahrheit spricht und einen reinen Blick hat, ein Wort, das in die Tiefen der Seele vordringt. Auf der anderen Seite erkennen diejenigen, die auf Christus schauen, dass die-se Schönheit gekreuzigt ist. Christus ist glorreich und gekreuzigt zugleich. Und wir dürfen diese beiden Züge niemals trennen. Auf die Gefahr hin, sein wahres Gesicht zu verlieren. Und wenn wir unseren Blick auf ihn richten, sollten wir uns von dieser gekreuzigten Schönheit verwunden lassen, sollten wir in dieser Wunde (denken Sie an die offene Seite) ein Schlupfloch zum Unendlichen, zur ewigen Quelle der Liebe sehen. Wir alle erinnern uns in diesem Zusammenhang an das berühmte Schnittbild des Mailänder Künstlers Lucio Fontana. Auf die Frage, was dieses Schnittbild bedeute, antwortete er: „Mit diesem Schnittbild möchte ich nur einen Schimmer des Absoluten schaffen“. Hier drängt die gekreuzigte Schönheit den menschlichen Blick in Richtung des Hohen und des Jenseitigen und stellt die Frage, die Frage, die den Menschen zum Suchenden macht. Aber nicht nur das, die gekreuzigte Schönheit erlöst uns von zwei Monstern, die unser Leben und unsere Ar-beit bedrohen; zwei Monster, die auf derselben etymologischen Wurzel beruhen, aber semantisch unterschiedlich sind: die Hässlichkeit, eine Kategorie ethischer Art, und die Hässlichkeit, eine Ka-tegorie ästhetischer Art. Wir sind umgeben von Banalität, Gemeinheit, Dummheit, Vulgarität … Wir leben manchmal in hässlichen Räumen, in seelenlosen Behältern, und all das ist fast wie ein Dauerbass, der das Leben und sogar das Sterben begleitet. Die gekreuzigte Schönheit jedoch, wenn sie im Glauben erkannt wird, erlöst uns. Das hat auch ein erbitterter Antichrist wie Henry Miller zugegeben, der sagte: „Schönheit und Glaube sind von keinem anderen Nutzen, als den Sinn des Lebens zu zeigen“. Der Weg der Schönheit, den Christus, der schöne Hirte, eingeweiht hat, ist der Weg der Liebe. Die via pulchritudinis ist eine via amoris. Und diese Liebe drückt sich für Jesus in der Unentgeltlichkeit aus: Er hat tatsächlich sein Leben im Gehorsam gegenüber dem Vater hinge-geben, sogar bis zum Verlust, und hat dann sein Leben für seine Brüder und Schwestern bis zum Tod hingegeben. Aber was Christus schön macht, ist nicht nur die Unentgeltlichkeit, sondern auch die Zuneigung (er ruft seine Schafe beim Namen, eines nach dem anderen) und nicht zuletzt die Fürsorge (er verteidigt seine Schafe vor Räubern und Dieben).
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster