6. Januar 2024

Erscheinung des Herrn

Das Fest Erscheinung des Herren stellt uns das Bild des Kindes vor Augen: die nackte und wehrlo-se Menschheit, die um Annahme bittet.

Jes 60,1-6; Eph 3,2-3a.5-6; Mt 2,1-12

Als die Heiligen Drei Könige an dem vom Stern angezeigten Ort ankommen, sehen sie „das Kind mit Maria, seiner Mutter“ (Mt 2,11). Das Ganze erscheint doch sehr überraschend: Sie suchen ei-nen König und finden ein Kind. Die Feier des Dreikönigsfestes stellt uns dieses starke Bild des Kindes vor Augen. Symbolisch steht es für die nackte und schutzlose Menschheit, die um Aufnah-me bittet. Das Kind ist auch das Bild der Zerbrechlichkeit, einer Zerbrechlichkeit, die anspricht und gute, lebensspendende Antworten hervorrufen will. Hier haben wir die Art von Gott, der den Menschen rettet. Nicht Stärke, nicht Macht oder Bestätigung, sondern Marginalität, Schwäche und Not. Die Herausforderung des Glaubens besteht darin, Gott dort zu erkennen, in einem Wort ohne Wort, in der Forderung und nicht in der Erfüllung. Das ewige Wort Gottes, das lebendige und le-bensspendende Wort, hat jetzt ein Gesicht, das von Jesus, der durch seine Gabe alles und jeden in den Schoß des ewigen Vaters ziehen will. In einem christlichen Text aus dem dritten Jahrhundert heißt es: „Ich bin klein geworden (es ist Jesus, der spricht), damit ich euch durch meine Kleinheit von dort heraufhole, wo ihr hingefallen seid […]. Ich werde euch auf meinen Schultern tragen“. Wie kann man also vor dem Königskind stehen? Indem wir Gold, Weihrauch und Myrrhe darbrin-gen – das Gold unserer Liebe, den Weihrauch unserer Anbetung und die Myrrhe unserer von La-chen und Tränen geprägten Existenz. Eine letzte Bemerkung. Wie Dante schrieb, ist die Malerei eine „sichtbare Sprache“. Wir möchten unsere Leser daher auf Leonardos Anbetung der Heiligen Drei Könige (1481-1482) hinweisen, die unsere Evangelienseite auf einzigartige Weise neu liest. Für Leonardo ist die Epiphanie ein Phänomen und keine abstrakte Idee. Das Phänomen überrascht, belebt die gesamte Realität und dynamisiert alles. Selbst die Pferde, die wir im Hintergrund sehen, stürzen sich auf die göttliche Erscheinung. Und nicht nur das. Das Phänomen regt zur Meditation an. Hier ist also ein junger Mann auf der rechten Seite, der uns zum Schauen einlädt, und auf der linken Seite ein alter Mann, der sein Haupt neigt und nachdenkt. Auch die Natur ist beteiligt. Es gibt keine eindeutig identifizierbaren menschlichen Figuren, sondern nur Handlungen, die in die wirbelnde Umlaufbahn der Bewegung von Masse, Raum und Kosmos fallen. Nach Christus, so scheint uns der große Da Vinci zu sagen, dreht sich alles um ihn, auf tausend Arten, in tausend Hal-tungen, so viele, wie es menschliche Singularitäten gibt. Für Leonardo markiert die Epiphanie ei-nen neuen Anfang.

 

Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi, 
Abtei Kornelimünster

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