23. Juli 2023
16. Sonntag im Jahreskreis
Jahr A
Weizen und Unkraut gibt es auch im Herzen eines jeden Menschen. Deshalb müssen wir lernen, den Boden unseres Herzens dem Herrn anzuvertrauen.
Die gleichnishafte Rede Jesu über das Reich Gottes wird an diesem Sonntag fortgesetzt. Zunächst haben wir das Gleichnis vom guten Weizen und vom Unkraut (vgl. Mt 13,24-30), dann das vom Senfkorn (vgl. Mt 13,31-32) und schließlich das vom Sauerteig (vgl. Mt 13,33).
Das berühmte Gleichnis vom Unkraut stammt aus dem Matthäus-Evangelium. Es ist interessant, sich daran zu erinnern, dass der Begriff „Unkraut“ (zunim) semitischen Ursprungs ist und von dem Verb zanah stammt, das „sich prostituieren“ bedeutet. Im griechischen Text des Matthäus-Evangelium steht für „Unkraut“ das Wort zizania. Gemeint ist damit Lolium temulentum, so der wissenschaftliche Name von Tollkorn, eine Pflanze, die im frühen Stadium dem Weizen sehr ähnlich ist, sodass man ihn erst nach dem Wachstum unterscheiden kann. Zu diesem Zeitpunkt ist es jedoch unmöglich, sie auszureißen, da ihre Wurzeln mit denen des Weizens verflochten sind. Man muss also geduldig auf das Dreschen warten, wie der Herr des Feldes weise bemerkt. Was ist die Bedeutung dieses Gleichnisses? Vielfältig. Zunächst einmal wird die Gemeinschaft des Matthäus in Frage gestellt. In seiner Gemeinde gab es eine Spannung zwischen denen, die eine reine Kirche anstrebten, und denen, die unter dem Eindruck der Verfolgung den Glauben, den sie angenommen hatten, verleugneten. Für erstere galt, dass diejenigen, die versagten, ausgestoßen werden sollten. Matthäus, der die Gedanken des Meisters gut interpretiert, bekräftigt zunächst eine unumstößliche Wahrheit: Die christliche Gemeinschaft wird bis zuletzt aus gutem Weizen und Unkraut bestehen, d. h. aus konsequenten Christen und Sündern. Paradoxerweise muss man diese beiden Realitäten wachsen lassen; es ist Gottes Aufgabe, das Böse auszureißen und das Gute immer mehr wachsen zu lassen. Mit einem Wort: Das Gericht ist Gottes Sache. Aber Weizen und Unkraut, so lehrt uns die Erfahrung, sind auch im Herzen eines jeden Menschen vorhanden. Manchmal ist es eine schmerzliche Erkenntnis, die uns fast ungläubig zurücklässt. Was ist zu tun? Wir dürfen nicht in den Fehler des Perfektionismus verfallen und versuchen, alles Böse, das in uns lebt, zu beseitigen. Andererseits dürfen wir aber auch das Unkraut nicht zu sehr wachsen lassen. Aber was solls? Wir müssen lernen, den Boden unseres Herzens dem Herrn anzuvertrauen. Er allein, der uns zutiefst kennt, weiß, wie er alle unsere Wunden heilen kann.
Kommentar von b. Sandro Carotta, osb Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster