28. Mai 2023

Pfingstsonntag

An diesem Tag lädt uns die Kirche ein, die Gabe schlechthin, den Geist, anzurufen. Zugleich fordert sie uns auf, uns seiner Gegenwart in uns bewusst zu werden.

Kommt ein weiterer Atemzug,
wird neuer Glanz zurückkehren.
Giuseppe Ungaretti

Im Vierten Evangelium findet die Ausgießung des Geistes am Abend des Osterfestes statt (vgl. Joh 20,22-23). Die meisten Ausleger verweisen auf die parallele Verwendung von „er hauchte“ (enephùsesen) in Gen 2,7 (LXX) und Joh 20,22, um zu bekräftigen, dass der Heilige Geist eine neue Schöpfung einleitet. In Christus ist dem Menschen die Gnade zuteil geworden, durch Vergebung zu neuem Leben wiedergeboren zu werden. Darüber hinaus wurde die christliche Gemeinschaft, wiederum durch den Geist, gegründet, um der Ort zu werden, an dem der Mensch immer von der Entfremdung der Sünde befreit werden kann. Denn der Geist schafft, erlöst und macht alles neu. Diese österliche Frohbotschaft ist nun der Kirche anvertraut. Aber es gibt auch ein persönlicheres Pfingsten. Im Brief an die Römer ermahnt uns Paulus, uns nicht der Welt anzupassen, sondern uns vom Geist verwandeln zu lassen (vgl. Röm 12,2). Das Verb metamorphèisthai („sich verwandeln“) hat eine doppelte Bedeutung: reflexiv („sich verwandeln“) und passiv („sich verwandeln lassen“). Derjenige, der die Verwandlung oder Verklärung bewirkt, ist der Heilige Geist (vgl. 2 Kor 3,18), der im Verborgenen, aber wirksam bewirkt, dass das ganze Leben des Christen zu einem lebendigen und annehmbaren Gottesdienst wird, zu einer Eucharistie nach dem Bild Christi. An diesem Tag lädt uns die Kirche ein, die Gabe schlechthin, den Geist, anzurufen. Zugleich fordert sie uns auf, uns seiner Gegenwart in uns bewusst zu werden. Nur so werden wir von einem Zustand, in dem die Gnade unbewusst in uns gegenwärtig ist, zu dem Grad einer echten Wahrnehmung ihres Heilswirkens gelangen. Eine letzte Bemerkung. Das Pfingstfest findet nach fünfzig Tagen statt und besiegelt das österliche Geheimnis Christi. Die Zahl fünfzig ist eindeutig symbolisch und spielt auch auf die Vollendung des Menschen an. Taulero vertrat die Ansicht, dass ein Mensch vor seinem vierzigsten Lebensjahr keine wirkliche Erfahrung mit Gott hat. Zwischen vierzig und fünfzig verändert ihn der Geist innerlich und führt ihn in die Fülle der Wahrheit ein. Pfingsten ist also nicht nur ein göttliches, sondern auch ein anthropologisches Ereignis, da der Mensch durch den Geist seine Fülle erreicht.

Kommentar von b. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster

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