30. April 2023
Vierter Sonntag der Osterzeit
Jahr A
Jesus stellt sich nicht nur als einziger Vermittler zu Gott dar, sondern auch als der wahre Zugang, durch den jeder Mensch mit sich selbst in Kontakt kommen kann.
Jesus, du gehst durch die Tür des Blicks.
Alda Merini
Im Johannesevangelium macht Jesus eine feierliche Aussage: „Ich bin der gute Hirte“ (Ego eimi ò poimen ò kalós) (Joh 10,11). Beachten Sie, dass Jesus dem Begriff „Hirte“ eine Qualifikation hinzufügt, die im Griechischen kalós heißt. Kalós sollte nicht mit „gut“ (moralische Qualität) übersetzt werden, sondern mit „angemessen“, „geeignet“. Jesus ist also der gerechte Hirte, der in sich selbst die zärtliche Liebe des Vaters verwirklicht und um sich herum ausbreitet, eine Liebe, die Leben schenkt bis in den Tod. Deshalb wurde kalós auch mit „schön“ übersetzt, denn Jesus ist die leuchtende Verkörperung der unentgeltlichen Liebe Gottes. Aus diesem Grund wird er drei negativen Hirtenarten gegenübergestellt: dem Dieb, dem Räuber und dem Fremden. Wer sind sie? Ganz einfach, es sind diejenigen, die ihre Macht zum Schaden der ihnen anvertrauten Herde missbrauchen. Sie werden daher Diebe genannt, weil sie mit List und Betrug stehlen; Räuber, weil sie beim Stehlen Gewalt anwenden; Fremde, weil sie keine lebendige Beziehung zu den Schafen haben. Der heutige Text stellt aber auch ein anderes Bild vor, nämlich das der Tür (vgl. Joh 10,6-10). Die Tür artikuliert nicht nur den Eintritt und den Austritt, sondern verweist in ihrem symbolischen Wert auf die Gesamtheit eines Hauses. Indem Jesus sagt, dass er die Tür der Schafe ist, bekräftigt er, dass er der wahre Tempel ist, der lebendige, in dem die Menschen Gott begegnen können. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass sich das so genannte Schafstor zur Zeit Jesu an der Nordostseite der Stadtmauer befand. Es war ein Schafstor (שער), weil durch es die Schafe gingen, die dann im Tempel geopfert wurden. Aber das ist noch nicht alles. Indem Jesus sich mit der Pforte identifiziert, stellt er sich nicht nur als einziger Vermittler zu Gott dar, sondern auch als der wahre Zugang, durch den jeder Mensch mit sich selbst in Kontakt kommen kann.
Kommentar von b. Sandro Carotta, osb Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster