16. April 2023
Zweiter Sonntag der Osterzeit
Jahr A
Frieden ist nicht so sehr ein Wunsch, sondern eine Verantwortung, d.h. derjenige, der Frieden anbietet, verpflichtet sich, ihn zu schaffen, indem er anerkennt, dass sein Nächster vollständig ist.
Während die Jünger voller Angst im Abendmahlssaal stehen, erscheint der auferstandene Herr und schenkt ihnen seinen Frieden (vgl. Joh 20,19). In diesem Kommen, das wir als grundlegend bezeichnen können, legt er die Fundamente der christlichen Gemeinschaft: den Heiligen Geist, die Vergebung und das Geschenk des Friedens. Der Friede (שׁלום – shalom) hat eine doppelte Eigenschaft: Er wird aus seiner Gegenwart geboren (vgl. Joh 14,27) und zeugt von seinem Sieg über die Welt (vgl. Joh 16,33). Mit dem Schalom sind also die Zeiten der Entfremdung vorbei, und es entsteht eine neue Brüderlichkeit. Im auferstandenen Christus kann also jeder Mensch Gott als Vater und seinen Nächsten als Bruder finden. Um die Bedeutung dieses österlichen Grußes zu verstehen, müssen wir wissen, dass in der jüdischen Kultur das Gegenteil von shalom (Frieden) nicht milchamàh (Krieg), sondern machlòket (Trennung) ist. Jesus hat mit seiner Auferstehung jede Spaltung, die die Frucht der Sünde war, überwunden. Aber nicht nur das. Shalom kommt von shalem (ganz, vollständig). Was bedeutet das? Dass der Friede nicht so sehr ein Wunsch ist, sondern eine Verantwortung, das heißt, dass derjenige, der den Frieden anbietet, sich verpflichtet, ihn aufzubauen. Und wie? Indem er anerkennt, dass der Nächste die conditio sine qua non für den Aufbau des Friedens ist, dass der Bruder oder die Schwester unsere Vollkommenheit ist. Dieser Inhalt wird im hellenistischen Griechisch mit eiréne wiedergegeben, einem Begriff, der von dem Verb eiro (weben, verbinden, ausgleichen) abgeleitet ist. Frieden ist das Zeichen eines wiedergefundenen Gleichgewichts mit sich selbst, mit anderen und mit Gott. Aber Paulus erinnert uns in einem christologischen Fragment von großer Tiefe (Eph 2,11-18) daran, dass Christus unser Friede ist. Christus stiftet nicht nur den Frieden und gibt ihn, sondern er ist der eigentliche Konstituent des Friedens, der entscheidende Faktor des Zusammenhalts. Der Friede kommt von Gott, er ist ein Geschenk von oben, er baut die christliche Gemeinschaft, die Kirche, auf, und von der Kirche – das ist die österliche Herausforderung – geht er in die Welt. Wir können also sagen, dass die christliche Gemeinschaft in zweifacher Weise im Zentrum dieser Bewegung steht: Sie ist ihr Ort und zugleich ihr Instrument.
Kommentar von b. Sandro Carotta, osb Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster