6. April 2023

Messe vom letzten Abendmahl

Die Fußwaschung ist die endgültige Handlung, mit der Gott dem Menschen seine verlorene Würde zurückgeben will. Im Sohn reinigt und heilt er die tödliche Wunde der Sünde und des Todes.

Die Eucharistie der Messe vom letzten Abendmahl lässt uns bei der unglaublichen Geste der Fußwaschung innehalten. Wir möchten nun genau bei den Füßen innehalten und versuchen zu verstehen, was Gott uns offenbaren wollte. Es gibt viele Mythen der Menschheit, die eine schmerzliche Tatsache betonen: Die Füße des Menschen sind verletzt. Ödipus zum Beispiel, dessen Name „geschwollener Fuß“ bedeutet, wird so weit gehen, seinen Vater zu töten, um seine Mutter zu heiraten. Zur Strafe wird er an seinen Fersen an einem Baum aufgehängt. Schlägt man dagegen die Heilige Schrift auf, so wird Eva, die Mutter der Lebenden, von der Schlange direkt an der Ferse bedroht (vgl. Gen 3,15). Welche Bedeutung hat nun der Fuß? Der Fuß ermöglicht dem Menschen den Kontakt mit der Erde und ist der Ausgangspunkt für seine vertikale Haltung. Die vertikale Haltung wird so zum Bild der menschlichen Würde. Aber der Mensch ist, wie gesagt, vom Bösen bedroht, das immer wieder versucht, seine Stabilität zu untergraben und ihn zu Boden zu werfen. Der Prophet Jesaja wird sein Volk von Kopf bis Fuß mit einer Wunde bedeckt sehen, weil es sich verrannt hat (vgl. Jes 1,6). Daher der eindringliche Aufruf zur Umkehr, damit der Herr eingreift und sein Volk heilt (vgl. Jes 30,26). Und Gott interveniert mit der Verheißung eines gerechten Sprosses (vgl. Sach 3,8), unter dessen Füßen alles wieder aufblühen wird (vgl. Sach 6,12). Matthäus, der diese Prophezeiung gut kannte, schließt die Episode der Rückkehr aus Ägypten mit der Feststellung, dass Jesus nach den Propheten Nazarener genannt werden sollte (vgl. Mt 2,22-23). Nazarener leitet sich vom hebräischen Wort nezer ab, das „Spross“ bedeutet. Alles wird klar: Jesus ist der prophezeite Spross, der, wenn er vorbeikommt, wie Lukas schreibt, diejenigen heilen wird, die unter der Macht des Bösen stehen (vgl. Apg 10,38). Vor diesem kurz skizzierten Hintergrund nimmt die Fußwaschung ihren Platz als die letzte und endgültige Handlung ein, mit der Gott dem Menschen seine verlorene Würde zurückgeben will. Im Sohn stellt er selbst die tödliche Wunde der Sünde und des Todes wieder her, reinigt und heilt sie. Johannes wird dann in der Apokalypse nicht zufällig eine völlig geheilte Menschheit in der Gestalt der Frau vorstellen, die ihre Füße auf den Mond stellt (vgl. Offb 12,1; Ps 8,7). Hatte Jesaja sein von Kopf bis Fuß kompromittiertes Volk beklagt, so singt Johannes nun von der Gnade eines Gottes, der der ganzen Menschheit die Füße gewaschen und sie in ihre Unschuld zurückversetzt hat.

Kommentar von b. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster

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