2. April 2023

Palmsonntag

In Christus, der geschichtlichen Manifestierung der Liebe Gottes zum Menschen, kann jeder Mensch zu neuem Leben wiedergeboren werden.

Die Karwoche wird von zwei Sonntagen eingerahmt, dem Palmsonntag (Passion) und dem Ostersonntag (Auferstehung). Der erste ist das Vorspiel zum zweiten, dem eigentlichen Höhepunkt des österlichen Triduums. Am Palmsonntag, der an den feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem erinnert, erfüllt sich die Prophezeiung aus Sach 9,9, die zur Freude und zum Jubel über die Ankunft des königlichen Messias aufruft. Die heutige Liturgie hebt einerseits den Sieg Christi und andererseits sein Leiden hervor. Dadurch wird uns klar, dass wahres Königtum mit der Gabe des Lebens zusammenfällt. Aber nicht nur das, die feierliche Lesung der Passion macht vor allem deutlich, dass Gott Liebe ist. Der Tod, die Folge der Sünde, hat in der Liebe einen Feind gefunden, der ihm für immer widerstehen und ihn besiegen kann. Die Lesungen heben das Geheimnis des Kreuzes in seiner dreifachen Dimension hervor: in Bezug auf Gott, wo das Kreuz das kindliche und gehorsame Hören Jesu auf den Vater manifestiert; in Bezug auf die Menschen, weil es die bedingungslose und unentgeltliche göttliche Treue sowie seine unglaubliche Solidarität zum Ausdruck bringt; in Bezug auf Jesus schließlich, weil es der Ort seiner freiwilligen Selbsthingabe an den Vater und an seine Brüder und Schwestern ist. In Bezug auf das Kreuz ist es jedoch gut, an eine scharfsinnige Beobachtung des Theologen Giuseppe Colombo zu erinnern, der feststellt, dass „in der christlichen Vorstellung das Kreuz über das Kruzifix zu herrschen scheint, indem es den zweideutigen Tendenzen, die dem menschlichen Unterbewusstsein innewohnen, freien Lauf lässt. Aber es ist nicht das Kreuz, das Jesus Christus groß macht; es ist Jesus Christus, der auch das Kreuz erlöst, das richtig verstanden und nicht rhetorisch überhöht werden muss“. Bei einer aufmerksamen Lektüre der an diesem Tag vorgesehenen Texte, insbesondere der Passionserzählung nach Matthäus (26,14-27,66), wird uns sofort klar, dass sie nicht nur die letzten Stunden des Lebens des Meisters beschreiben. Was sich uns hier in der Tiefe offenbart, ist die Geschichte der Dreifaltigkeit selbst. Es gibt ein Verb, das immer wieder auftaucht: „befreien“ (paradídomi). Es ist Jesus, der sich selbst befreit, aber auch der Vater befreit seinen geliebten Sohn. Das Kreuz ist auch die Geschichte des Geistes (vgl. Hebr 9,14). Das Geheimnis von Golgatha und das Geheimnis der Dreifaltigkeit – so Moltmann – sind zwei Aspekte ein und derselben Wirklichkeit, nämlich dass Gott Liebe ist. In diesem Horizont darf nicht vergessen werden, dass die Passion als trinitarisches Ereignis nicht nur von der Liebe Gottes zum gerechten Menschen (falls es sie je gab), sondern zum sündigen Menschen erzählt. In Christus, der geschichtlichen Manifestierung dieser Liebe, kann daher jeder Mensch zu neuem Leben wiedergeboren werden.

Kommentar von b. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster

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