12. Februar 2023

Sechster Sonntag im Jahreskreis

Jahr A

Das Wort Jesu leitet zu höherer Gerechtigkeit, d. h. dazu, alle unsere Beziehungen zu unseren Brüdern und Schwestern und zu Gott in Liebe zu begründen.

Die heutige lange Perikope dieses sechsten Sonntags im Jahreskreis führt uns in die berühmten sechs Antithesen zwischen der Tora des Mose und der Verkündigung Jesu ein. Die gegensätzliche Formulierung sollte jedoch nicht in die Irre führen. Jesus beseitigt das Alte Testament nicht, sondern will seine tiefe Seele freilegen, die leider durch eine absurde Kasuistik erstickt und durch einen ärgerlichen Legalismus erstarrt ist. Diese sechs Antithesen werden von einer präzisen Frage durchkreuzt: Wer ist mein Nächster? Letzten Sonntag lautete die Aufforderung, über die eigene Identität (Salz und Licht) nachzudenken; heute hingegen sind wir aufgerufen, uns zu fragen, wer der andere ist. Das Wort Jesu erzieht zu höherer Gerechtigkeit, d.h. dazu, alle unsere Beziehungen zu unseren Brüdern und Schwestern und zu Gott in Liebe zu begründen.
Wenden wir uns der vierten Antithese zu, die die Macht des Wortes betrifft (vgl. Mt 5,33-37). Eine der Entartungen der Sprache ist die Falschheit. Falsches Reden verursacht nicht nur Schaden, sondern ist auch ungerecht. Dem Talmud zufolge gibt es drei Ursachen, die zum Verderben der Sprache führen: diejenigen, die sie sprechen, diejenigen, die sie hören, und diejenigen, die sie provozieren. Jesus sagt stattdessen, dass unser Reden „Ja, ja“ und „Nein, nein“ sein muss, denn alles andere ist das Werk des Bösen (vgl. Mt 5,37). Der falscheste Diskurs, erklärte der französische Exeget Beauchamp, ist nicht so sehr derjenige, der Ja statt Nein oder das Gegenteil sagt, sondern derjenige, der weder auf Ja noch auf Nein, also auf das Neutrum (von ne-utrum, weder das eine noch das andere) gegründet ist. Kurzum, der Vorschlag Jesu appelliert an unsere Verantwortung, ein verantwortungsvolles Wort zu sprechen. Vergessen wir nicht: Jeder von uns ist aufgerufen, den Weg zu wählen, dem er folgen will (Sir 15,16-21, erste Lesung), sich von der Weisheit inspirieren zu lassen (1Kor 2,6-10, zweite Lesung), um so in jedem Menschen einen Bruder zu finden und im Antlitz des Bruders die Züge des Vaters im Himmel.
Eine Anmerkung, die wir für wichtig halten. Wir befinden uns in der großen Bergpredigt, der, wie wir wissen, die Seligpreisungen vorausgegangen sind. Die Seligpreisungen sind nicht nur ein Ideal, das es zu leben gilt, sondern die Ankündigung, dass das Reich Gottes unter uns ist. Deshalb: erst die frohe Botschaft (die Verkündigung des Reiches Gottes), dann das Gesetz; erst das Geschenk Gottes, dann die Antwort des Menschen. Diesen Aspekt muss man im Auge behalten, um die Worte Christi nicht auf eine neue Kasuistik zu reduzieren, eine neue Liste von moralischen Standards, um sich vor Gott als gerecht zu betrachten.

Commentary by b. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster

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