24. Juli 2022
Siebzehnter Sonntag im Jahreskreis
Jahr C
Gebet verdient diesen Namen nicht, wenn es nicht unser inneres Gesicht in das Bild dessen ver-wandelt, an den wir uns wenden.
Die Kühnheit Abrahams ist eine Art Aufstieg zur Barmherzigkeit Gottes, der sich in sechs Etappen entfaltet. Dass Abraham sich so für die Bewohner von Sodom und Gomorra einsetzt, ist ein Zeichen für eine Barmherzigkeit, die jeder Gerechtigkeit vorausgeht, sie begleitet und ihr folgt. Der Apostel Paulus erinnert uns daran, dass es uns selbst nicht anders geht, denn uns werden unsere Sünden ver-geben und unser Schuldschein zerrissen. Die Bitte eines der Jünger, des Geheimnisses teilhaftig zu werden, in dem der Herr Jesus seine Beziehung zum Vater lebt, entspringt jenem Erstaunen, das das Gebet immer zu bewirken vermag: Der Mensch kann Gott begegnen und in Einfachheit und Ver-trauen zu ihm sprechen. Der Herr Jesus fasst alles in der einfachen Anrufung des Vaters zusammen, dessen Beziehungswahrheit sich in der wachsenden Bereitschaft offenbart und bestätigt, auf das Gebet und die Bedürfnisse der Brüder und Schwestern zu hören, insbesondere in der – vorzüglich göttlichen – Fähigkeit zu vergeben. Wenn wir zum Vater beten, sind wir aufgerufen, nichts von ihm zu erwarten, sondern wie er zu werden, der fähig ist, alles zu geben. Wir sollen Vater, Mutter, Bruder und Freund für unsere Brüder und Schwestern in der Menschheit sein. Das Gebet ist also alles ande-re als eine höfliche Art, sich aus dem Getümmel herauszuhalten, sondern es ist eine Flamme, die die Geschichte radikal verändern kann, aber nicht, ohne dass wir zuvor unsere Herzen tiefgreifend ver-ändert haben.
Kommentar von d. Michael David, osb Gemeinschaft von Koinonia de la Visitation
Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster