22. Juni 2025
Hochfest Fronleichnam
Jahr C
Im Herzen des Verrats wird die Eucharistie geboren: Gott schenkt sich, übergibt sich und bleibt bei uns, auch in der Dunkelheit, als Licht und Lebensbegleiter.
DER LEIB DES HERRN
Das Leben hat dich zum Brot gemacht,
und dort haben wir dich gegessen.
—Anonym
Das Hochfest Fronleichnam führt uns zurück zum Gründonnerstag, an dem die Kirche jenes letzten Abendmahls gedenkt, bei dem Christus das Sakrament der Eucharistie eingesetzt hat. Die Intimität des letzten Abendmahls finden wir im letzten Abendmahl, das Pietro Vannucci (ca. 1450-1523), besser bekannt als Perugino, im monumentalen Refektorium der Franziskaner-Terziarinnen von S. Onofrio malte. Perugino, einer der wichtigsten Protagonisten der Erneuerung der italienischen Kunst, erweckt mit seinen Strichen aus Transparenzen, Stille und Lichtmusik noch heute eine starke emotionale Wirkung auf den Betrachter. Das kompositorische Zentrum des Freskos wird von Jesus bestimmt, auf dessen Brust Johannes liegt, während Judas, der das Verratsgeld in der Hand hält, seinen Blick – fragend und schelmisch zugleich – auf die Betrachter richtet. Das technische Mittel schafft eine Gleichzeitigkeit mit dem Ereignis des Abendmahls. Der Betrachter kann nicht nur Zuschauer sein. Vor Christus muss man sich entscheiden, und zwar ohne Vorspiegelung. Denn dieser Blick – das ahnte schon Quasimodo – sieht in das Herz:
[…] Du hast in mich hineingeschaut,
in der Dunkelheit der Eingeweide:
Keiner hat meine Verzweiflung
in seinem Herzen.
Ich bin ein einsamer Mann,
eine Hölle.
Beeindruckend, aber Jesus setzt das eucharistische Gedächtnis in der Nacht des Verrats ein. Warum eigentlich? Der Verrat ist sicherlich eine Entscheidung, die viele Beweggründe haben kann, aber er ist nur im Rahmen einer intimen, geschwisterlichen, familiären Beziehung möglich, in der man sich dem anderen anvertraut und ihm vertraut. Von einem Fremden kann man in der Tat nicht verraten werden. Judas konnte Jesus verraten, weil Jesus ihn liebte. Derjenige, der verrät, stiehlt im Grunde genommen, indem er die Bewegung des Lebens umkehrt, die von Natur aus diffus ist; der Dieb beraubt andere und behält für sich selbst, bis hin zum äußersten Diebstahl: dem Leben des anderen. Und das ist das Drama des Judas, den der Evangelist Johannes nicht zufällig einen „Dieb“ nennt (vgl. Joh 12,6).
Wenn Judas‘ Entscheidung verblüfft, überrascht auch Jesus. In der Nacht, in der das Vertrauen und die Liebe tödlich verletzt werden, vollzieht er die größte Umkehrung der Menschheitsgeschichte: Er untergräbt die Logik des Verrats (man erinnere sich an die doppelte Bedeutung des lateinischen tradere, verraten und sich ausliefern) und führt für immer jene Selbsthingabe ein, die bis zur Selbstauslieferung geht, selbst an den Feind, den er immer als Freund aufgenommen hat (vgl. Mt 26,50).
In der versunkenen und bewegten Atmosphäre dieses Festmahls gibt es nicht nur den Verrat des Judas. Da ist die Schwäche der Zwölf, die kurz darauf den Meister verlassen werden; die Schläfrigkeit der drei Jünger, die im Garten nicht wissen, wie sie wachen sollen; die dreifache Verleugnung des ungestümen Simon, des Führers der Apostel. Und es gibt auch unseren Verrat, der uns immer Angst vor uns selbst machen und den Herrn Jesus anflehen muss, seinen Blick auf uns zu richten, jenen Blick, der das Herz des Petrus durchbohrte und zum Schmelzen brachte. In einem Stück Brot und ein paar Tropfen Wein ist Gott und mit ihm das ganze Universum. In der majestätischsten aller Kathedralen, wie in einer Handfläche. Für den vietnamesischen Kardinal van Thuan, der dreizehn Jahre lang im Gefängnis oder in Einzelhaft saß, reichten drei Tropfen Wein und ein Tropfen Wasser in seiner Handfläche aus, um ihn und andere Christen mit dem Brot und dem Blut des Lebens zu nähren und Jesus zu unserem wahren „Gefährten im Allerheiligsten Sakrament“ zu machen. „Das waren die schönsten Messen meines Lebens“, sagte er, als er im Jahr 2000 von Johannes Paul II. berufen wurde, im Vatikan die Exerzitien zu predigen.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster
