5. Januar 2025

Zweiter Sonntag nach Weihnachten

Jahr C

Der tiefe Sinn von Weihnachten liegt in der Freude, Kinder und Brüder zu sein, in der Freude über eine Umarmung, die Himmel und Erde versöhnt. Und das ist Jesus zu verdanken.

DAS FLEISCHGEWORDENE WORT

Du Dämmernde,
aus dem der erste Morgen stieg.

R. M. Rilke

An diesem zweiten Sonntag nach Weihnachten konzentrieren wir uns auf den johanneischen Prolog. Es gibt eine Bewegung in diesem feierlichen Lied. Zunächst sagt Johannes, dass der Logos/das Wort „bei Gott“ war und „Gott war“ (V. 1). Im Griechischen steht das Verb im Imperfekt, um eine vergangene Handlung auszudrücken, die bis in die Gegenwart andauert. Aber auf das Verb war (ēn) folgt das Verb werden (egheneto), das in der feierlichen Feststellung gipfelt, dass der Logos Fleisch geworden ist (V. 14). Vom präexistenten Logos gehen wir also zum inkarnierten Logos über, d. h. zum Logos, der in Jesus von Nazareth das Antlitz eines Menschen annahm. Was brachte diese Inkarnation des Logos mit sich? Eine Umkehrung. Für die jüdische Kultur ist das Wort Gottes unwandelbar und ewig, während der Mensch zerbrechlich und unbeständig ist. Zwischen dem Wort und dem Menschen klafft also ein Abgrund. Doch nun ist die Kluft überwunden, denn das Wort ist Fleisch geworden, wie wir gesagt haben. Und nicht nur das. Johannes bekräftigt, dass die Herrlichkeit Gottes nur im Fleisch Jesu von Nazareth zu sehen ist, dass also der Mensch keine Hülle ist, die man durchschreitet und dann zurücklässt, um zur Herrlichkeit zu gelangen. Dieses Datum des Glaubens bleibt nicht ohne Folgen für uns. Denen, die ihn annehmen, sagt das vierte Evangelium, hat er nämlich die Fähigkeit (exousia) gegeben, Kinder Gottes zu werden (V. 12). Aber was bedeutet es, Söhne zu sein? Ganz einfach: Es bedeutet, zu bestätigen, dass am Anfang unseres Lebens das Band steht und dass dieses Band von der Liebe geprägt ist. Wenn es wahr ist, dass ich in dieser Bindung meine kindliche Identität erhalte, dann ist es ebenso wahr, dass ich aus dieser Bindung heraus immer meinen Nächsten als Bruder und Schwester entdecke. Und nicht nur das: Wenn die Beziehung zum Vater von Gehorsam geprägt ist, wird die zum Bruder von Solidarität geprägt sein. Das ist der tiefe Sinn von Weihnachten: die Freude, Söhne und Brüder zu sein, die Freude über eine Umarmung, die Himmel und Erde versöhnt. Und das ist Jesus zu verdanken. Der dänische Philosoph Kierkegaard hat zu Recht geschrieben: „Die beiden Welten, die immer getrennt waren, die göttliche und die menschliche, sind in dem Sohn Marias zusammengestoßen. Ein Zusammenstoß, der jedoch keine Explosion, sondern eine Umarmung ist.

Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster

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