2. November 2024
Allerseelen
Wer sein Leben für andere hingibt, überlistet den Tod, besiegt ihn. Jesus bekräftigt dies, als er am Kreuz starb. Bergman wird sich dessen bewusst, wenn er die Geschichte von Antonius Bloch erzählt.
DER BLICK NACH OBEN
Am 8. März 2020 starb der Schauspieler Max von Sydow, die Hauptfigur in Ingmar Bergmams (1918-2007) Das siebte Siegel (1957). Es waren die 1950er Jahre, als der Film in die Kinos kam, Jahre, in denen der schwedische Regisseur bereits mit äußerster Klarheit den Versuch des Westens festhielt, die Angst vor dem Tod zu beseitigen. Bergman zeigte sie in ihrer provokanten Unruhe und hatte den Mut, sie in ihrer ganzen Dramatik zu beschreiben. Aber Vorsicht, nicht aus Zynismus, sondern um seinen Zeitgenossen zu helfen, über die grundlegenden Fragen nachzudenken: Woher komme ich, wohin gehe ich, warum der Tod? Und gerade weil die Frage den Menschen zum Pilger macht, auf der Suche nach einer Antwort, bevorzugt Bergman die Idee der Reise, des Weges. Antonius Bloch, der Ritter, kehrt in der Tat mit seinem Knappen von den Kreuzzügen zurück. Eines Morgens begegnet er am Strand dem Tod, der ihn daran erinnert, dass seine Zeit gekommen ist. Da bittet der Ritter um Aufschub und schlägt der unheimlichen Gegenwart eine Schachpartie vor. Wenn er gewinnt, wird sein Leben gerettet. Wohlverstanden, er fürchtet den Tod nicht, aber paradoxerweise wird dank ihr die Frage nach der Existenz Gottes und dem Sinn des Lebens drängender: „Aber warum“, fragt er sich, „kann man Gott nicht mit den Sinnen erfassen, wozu versteckt er sich zwischen tausend und einem geflüsterten Gebet und unverständlichen Wundern? Warum soll ich an den Glauben der anderen glauben? Was wird aus denen, die weder fähig noch willens sind, zu glauben? Dies sind unbeantwortbare Fragen. Aber nicht nur das, der Ritter kann sich auch nicht von Gott befreien, nicht einmal, indem er ihn in sich selbst verleugnet und in seinem eigenen Herzen tötet: „Warum kann ich Gott nicht in mir selbst töten, warum lebt er weiter in mir, obwohl ich ihn verfluche und aus meinem Herzen reißen möchte? Warum ist er weiterhin eine verzehrende Erinnerung, die ich nicht loswerden kann?“ In diesen Worten erkennen wir auch Bergmans ganze Mühsal. Er möchte Gott loswerden, wie Antonius Bloch, aber er spürt, dass er das nicht kann, weil er von seiner Gegenwart bewohnt wird. Der Ritter, der das von der Pest zerstörte Land durchquert, zeigt im Angesicht des Todes zwei Reaktionen: die eines Menschen, der versucht, dem Dasein den letzten Tropfen Freude zu entreißen, und die eines Menschen, der sich selbst bestraft, weil er seiner Meinung nach die göttliche Strafe heraufbeschworen hat. Aber Bergman entscheidet sich für eine dritte Reaktion, die darin besteht, sein Leben nach dem Vorbild Christi für andere hinzugeben und seine Wiederkunft in Herrlichkeit als letzten Horizont zu sehen. Der einzige Weg, den Tod zu besiegen, ist also die Liebe. Und tatsächlich, um eine junge und schöne Akrobatenfamilie zu retten, stößt der Ritter mit einer plötzlichen, aber auch bewussten Geste die Bauern vom Schachbrett und gibt so dem Tod die Chance, die Herausforderung zu gewinnen. Und der Tod lächelt, weil er sein Ziel erreicht hat. Aber er merkt nicht, dass er getäuscht wurde. Tatsächlich wird der Tod durch die Liebe besiegt, durch die Geste des Ritters, der so die kleine Familie entkommen lässt. Antonius wollte, bevor er stirbt, eine bedeutsame Tat vollbringen, wie er seiner Widersacherin gesagt hatte, um sie misstrauisch zu machen. Es gelingt ihm und er siegt, wie Christus, der, am Kreuz besiegt, in Wirklichkeit den Sieg jener Liebe feierte, die aufersteht und für immer bleibt. Dies ist der Horizont, mit dem wir diesen Tag leben, an dem wir unserer lebenden Brüder und Schwestern in Christus gedenken. Wer sein Leben für andere hingibt, überlistet den Tod, besiegt ihn. Jesus bekräftigt dies, als er am Kreuz starb. Bergman wird sich dessen bewusst, wenn er die Geschichte von Antonius Bloch erzählt.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster