1. November 2024
Hochfest Allerheiligen
Im Blick auf Christus, den neuen Menschen, der in den Seligpreisungen hervorscheint, begreift man den göttlichen Plan für die Menschheit und zugleich ihre Erlösung und Schönheit.
DIE NEUE MENSCHLICHKEIT
Pavel Evdokimov schrieb, dass „Christus die erschütterndste Offenbarung der Heiligkeit Gottes im Menschen ist, er ist das eigentliche Mysterium des göttlichen Lebens, das als Archetyp der Ökonomie des menschlichen Wesens dargestellt wird“. Wenn Jesus Christus der Archetyp (das ursprüngliche Modell) der Heiligkeit Gottes im Menschen ist, bedeutet dies, dass Gott die letzte Wahrheit der menschlichen Natur selbst darstellt. Christus als Urbild leuchtet in besonderer Weise in den Seligpreisungen auf, die sein Antlitz und seine Biographie nachzeichnen (vgl. Mt 5,1-12). Indem wir Christus, den neuen Menschen, betrachten, verstehen wir den göttlichen Plan für die Menschheit und zugleich ihre Erlösung und Schönheit. Ja, denn in Christus werden Realitäten, die verflucht sind (Armut, Weinen, Verfolgung…) oder als undurchführbar empfunden, wenn nicht gar erlitten werden (Sanftmut, Reinheit des Herzens, Gerechtigkeit…), so verklärt, dass sie zu Seligpreisungen werden. Wir stehen gewiss vor einem großen Paradox, wenn wir Jesus von Nazareth mit der Logik vergleichen, die unser Leben als Männer und Frauen regelt und bestimmt. Und doch hat sich dieses Paradoxon in jeder geschichtlichen Epoche in zahllosen Menschen aus allen Lebensbereichen verkörpert. Für sie alle waren die Seligpreisungen nicht nur ein inspirierendes Prinzip oder ein Lebensprogramm, sondern ein humanisierender Faktor und gerade deshalb wahrhaft evangelisch. Die Existenz der Christen sollte daher die geschichtliche Form der neuen, von Christus eröffneten Welt sein. Mit einem Wort, das Leben eines jeden Getauften soll die große Neuheit vorwegnehmen, die der Herr mit seiner Auferstehung eingeweiht hat. Christus ist die wirksame Ursache des neuen Menschen, der diejenigen, die an ihn glauben, auferweckt hat. Aber Christus ist auch die vorbildliche Ursache, das Bild, in das wir durch das Wirken des Geistes verwandelt werden. Was die Ungläubigen oft empört, sind nicht die Heiligen, sondern die Tatsache, dass die Christen nicht alle heilig sind. Und Simone Weil schrieb in ihren Überlegungen über die Notwendigkeit einer neuen Heiligkeit für unsere Zeit: „Die Welt von heute braucht Heilige, neue Heilige, Heilige mit Genie.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster