6. Oktober 2024
Siebenundzwanzigster Sonntag
im Jahreskreis
Jahr B
Der Mann erwacht und sieht vor sich die Frau, das Anderssein. Das Anderssein ist ein Geheimnis, das nicht Misstrauen oder Angst hervorrufen darf, sondern Zuhören und Akzeptanz.
DIE GEBURT DES ANDERSSEINS
Die Lesungen dieses Sonntags bieten uns einige interessante Einblicke in das Familien(gemeinschafts)leben. Das Evangelium betont die Treue (innerhalb der ehelichen Beziehung) und die Annahme (gegenüber den Kleinen). Die erste Lesung hingegen hebt einen sehr wichtigen Aspekt hervor: das Entstehen des Andersseins (die wesentliche Grundlage allen Zusammenlebens). Der Hebräerbrief schließlich lenkt die Aufmerksamkeit mit Blick auf Christus auf die radikale Hingabe des Selbst. Auf den zweiten Aspekt, die Entstehung des Andersseins, werden wir noch näher eingehen.
„Es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein“ (Gen 2,18). Gott sieht, dass die Einsamkeit nicht gut für den Menschen ist. Daher die Zusage, ihm „eine ähnliche Hilfe“ (èzer kenegdò) zu geben. Der hebräische Ausdruck ist gut zu verstehen. Èzer weist auf eine starke und aktive Unterstützung hin (vgl. Ps 40,17); kenegdò können wir mit „vor ihm“ oder auch „ihm gegenüber“ übersetzen, d.h. der Mensch braucht ein Gegenüber, um vollständig zu sein. Vor dem Menschen sehen wir dann eine Unzahl von Tieren aller Art und Gestalt. Aber kein Lebewesen entspricht dem Menschen. Dann führt Gott als guter Chirurg zwei wichtige Handlungen aus: Er versetzt den Menschen in Schlaf und entnimmt ihm eine Rippe, mit der er das Andere (die Frau) formt. Dieser Schlaf ist das Tardema und drückt die Situation aus, die es Gott ermöglicht, zu handeln und zu wirken. Wenn der Mann aufwacht, sieht er vor sich die Frau, das Anderssein. Was bedeutet das? Ganz einfach: Der Ursprung des Anderen ist unbekannt, der Andere ist ein Geheimnis. Das darf nicht zu Misstrauen oder Angst führen, sondern zu Zuhören und Akzeptanz. Kurz gesagt: Die Grundregel für ein gesundes und konstruktives Verhältnis zum Nächsten besteht darin, die Andersartigkeit des Menschen vor uns anzuerkennen; wir wissen nicht alles über den anderen, wir wissen nicht alles, wir ignorieren seine Herkunft. Diese gesegnete Unwissenheit bewahrt uns vor der Versuchung der Homologation, vor jenem Anspruch auf Wissen, der nichts anderes ist als der Wunsch, zu dominieren. Nein, gegenüber dem Nachbarn muss man wissen, wie man die Grenze hält. Dann haben wir einen Begriff: tzelà, der im Allgemeinen mit „Rippe“ übersetzt wird, der aber eher mit „Seite“ übersetzt werden sollte. Die Andersartigkeit ist die fehlende Seite, das, was also (in der Gegenseitigkeit) vervollständigt. Dieses tzelà wird jedoch extrahiert. Dadurch wird uns bewusst, dass der Andere in unseren Augen geboren wird, dass er sich vor uns als Gegenwart konstituiert, insofern wir für den Verlust offen sind. Innerhalb der Beziehung zu verlieren bedeutet, sich selbst zu verkleinern, zur Seite zu treten, nicht aufdringlich und ausgrenzend zu sein. Aber es gibt noch eine dritte Bedingung, wenn es im heiligen Text heißt, dass der Mann Vater und Mutter verlässt und mit der Frau ein Fleisch bildet, das heißt, es ist notwendig, einen Exodus zu machen, die Garantien der Sicherheit (Vater und Mutter) aufzugeben, um in die Neuheit einzutreten, die jede Beziehung impliziert und verlangt.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster