15. September 2024
Vierundzwanzigster Sonntag
im Jahreskreis
Jahr B
Christusnachfolge heißt ein Kreuz zu tragen. Das Kreuz ist nicht als Last des Leidens zu verstehen, sondern als Symbol für ein Leben der Hingabe.
DAS KREUZ TRAGEN
Nicht das Kreuz hat Jesus die Ehre gegeben, sondern Jesus hat es glorreich gemacht,
um einen Ort der Schande zu einem Ort der Liebe zu machen.
Enzo Bianchi
Christusnachfolge heißt ein Kreuz zu tragen. Aber was bedeutet das? Betrachten wir das Kreuz, ein sehr altes vorchristliches Symbol, das aus einem vertikalen und einem horizontalen Pfahl besteht. Diese beiden Stangen oder Äste symbolisieren die beiden Dimensionen der Liebe: die vertikale Stange, die in die Erde gepflanzt ist und nach oben ragt, drückt die Liebe zu Gott aus; die horizontale Stange, die die Welt umarmt, drückt die Liebe zum Nächsten aus. Das Kreuz zu tragen bedeutet also, sein Leben aus Liebe zu Gott und aus Liebe zum Nächsten zu leben. Aber das ist noch nicht alles. Die Gottesliebe zeichnet sich durch Gehorsam als kindliche Liebe aus, die Nächstenliebe durch Solidarität als Bruderliebe. Daher ist das Kreuz nicht als eine Last von Leiden zu verstehen, das man tragen und ertragen muss, sondern als Symbol für ein Leben der Hingabe. Jesus nachzufolgen bedeutet nichts anderes, als sich auf ihn einzulassen, ihn sich zu eigen zu machen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Selbstverleugnung, ein Ausdruck, den man richtig verstehen muss. Das griechische Verb aparnèomai bedeutet auch „sich verleugnen“, „sich selbst verleugnen“, „nein sagen“, indem man jede Beteiligung ablehnt. In der griechischen Bibel wird es verwendet, um die klare und kategorische Ablehnung von Götzen auszudrücken, um nur dem Herrn zu gehören (vgl. Jes 31,7 LXX). In unserem Text ist der Götze, von dem man sich befreien muss, das eigene Ich. Kurz gesagt, wahrer Götzendienst ist die Erhebung des eigenen Ichs zum höchsten Wert und damit zum Kriterium jeder Entscheidung. Für den Jünger des Evangeliums ist Jesus das Zentrum des Lebens. Von ihm her bestimmt man sich in der Welt. Das mag einfach klingen, ist es aber in Wirklichkeit nicht. Der Übergang vom individuellen Ich zum Du Christi erfordert Mühen und Umkehr. Ein öffentliches und feierliches Glaubensbekenntnis reicht nicht aus (Petrus). Es ist notwendig, sich selbst als freie und unentgeltliche Hingabe nach dem Vorbild Christi zu verstehen.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster