16. Juni 2024
Elfter Sonntag
im Jahreskreis
Lesejahr B
Zwar kennen wir die Stunde der Vollendung des Reiches Gottes nicht, doch bezeugt die Saat, dass es eine Ernte geben wird, auf die wir unseren Blick richten müssen.
DIE KRAFT DES SAMENKORNS
Jesus vergleicht das Reich Gottes mit einem Samenkorn, der in die Erde fällt, stirbt und Frucht bringt. Diese Frucht wird zu gegebener Zeit geerntet werden. Das Reich Gottes kennt also einen Anfang (Jesus, seine Verkündigung), eine Entwicklung (die Zeit der Kirche) und ein Ende (wo wir die eschatologische Ernte haben werden). Darüber hinaus ist der Same mit Leben getränkt und wächst spontan (automàte). Zwar ist es dem Gläubigen nicht gegeben, die Stunde der Vollendung des Reiches Gottes zu kennen, aber das Samenkorn bezeugt, dass es eine Ernte geben wird, wie wir gesagt haben. Auf diesen Augenblick muss der Blick gerichtet sein und nicht auf den Widerstand oder die Ablehnung, die das evangelische Samenkorn in seinem historischen Werden kennt und immer kennen wird. Kurzum, die Gegenwart muss von der Zukunft (Gottes) her begriffen werden. Dies ermutigt gewiss nicht zur Loslösung. Im Gegenteil, der Gläubige ist sich des Beitrags, den er zum Kommen des Reiches Gottes leisten muss, sehr wohl bewusst, aber gleichzeitig vertraut er auf das geheime und wirksame Wirken des Heiligen Geistes. Das Reich Gottes ist keine Realität, die man erzwingen muss (wie die Eiferer von gestern und die Aktivisten von heute), und es ist auch nicht die Frucht organisierter Effizienz, sondern ein Geschenk, das man anrufen und mit dankbarer Anerkennung und großzügiger Verantwortung annehmen muss. Als Bildsymbol für diesen Abschnitt verweisen wir unsere Leser auf ein außergewöhnliches Werk von Vincent van Gogh Der Sämann bei Sonnenuntergang von 1888. Die Inspiration ist eine doppelte: das Leben der Bauern, das unser Künstler immer wieder aufgreift, und das Gleichnis des Evangeliums. Die ganze Szene ist in Licht getaucht. Deshalb wird sie in der Mitte der Komposition von einer außergewöhnlichen Sonne beherrscht, deren Strahlen den gesamten Horizont beleben und die Erde befruchten. Die Geste des Bauern ist entschlossen und kraftvoll. Man könnte sagen, es ist die Geste desjenigen, der die Saat in der Hoffnung auf eine reiche Ernte in die Erde bringt. Jakobus greift das Bild in seinem Brief auf, wenn er uns auffordert, den Landwirt genau zu betrachten, der die Saat ausbringt und dann geduldig auf die Frucht wartet (vgl. Jak 5,7). Das griechische Wort für Geduld ist makrothumia. Es leitet sich von thumus, „Atem“, „Mut“ ab. Die makrothumia ist also die Eigenschaft eines Menschen, der einen tiefen Atem hat, einen weiten Geist, den Mut der langen Zeit. So war es für Jesus, so muss es auch für den Christen sein, also für jeden von uns.
Kommentar von d. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Praglia (Italien)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi,
Abtei Kornelimünster