14. Mai 2023

Sechster Sonntag der Osterzeit

Jahr A

„Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen“, mit dieser Verheißung verheißt uns Christus seine ständige Gegenwart in unserer Mitte.

Was die Jünger an Jesus bindet, ist die Liebe. Die Liebe ist die Voraussetzung dafür, dass sie seine Gebote annehmen und leben (vgl. Joh 14,15). Es besteht also eine enge Verbindung zwischen der Liebe und dem Halten der Gebote. Aber kann die Liebe durch ein Gebot geregelt werden? Ist das nicht ein Widerspruch? Wer liebt, will dem Geliebten gefallen und sich ihm anpassen (und dabei seine eigene Originalität bewahren). Gerade wegen dieses Prozesses, den wir als Identifikation bezeichnen könnten, verlieren die Gebote den Charakter der Auferlegung und werden zu Forderungen der Liebe. Die Jünger werden also nicht aufgefordert, äußere Regeln zu befolgen, sondern ihre innere Abstimmung mit Jesus zu erweitern. Die Liebe, von der Jesus zu uns spricht, hat also zwei Merkmale: Gegenseitigkeit und Erkenntnis (vgl. Joh 14,21). Die Gegenseitigkeit ist die Liebe, die nicht nur zu geben, sondern auch zu empfangen weiß, indem sie den Geliebten und den Liebenden zu einer intimen, tiefen und einzigartigen Erkenntnis führt.
Jesus verspricht auch eine Rückkehr: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen; ich werde zu euch kommen“ (Joh 14,18). Mit dieser Verheißung sichert Christus, wie der bekannte Exeget Raimond Brown bemerkt, eine ständige Präsenz in seiner Gemeinschaft zu: „Wenn sich diese Verse ursprünglich auf die Wiederkehr Jesu in einer Reihe von Erscheinungen nach der Auferstehung bezogen, wurden sie in johanneischen Kreisen bald dahingehend umgedeutet, dass sie sich auf eine dauerhaftere, nicht körperliche Präsenz Jesu nach der Auferstehung beziehen. Diese Fülle wird jedoch erst in der Parusie eintreten. In dieser Erwartung, zwischen dem Schon und dem Noch nicht, ruft die christliche Gemeinschaft: „Komm, Herr Jesus“ (Offb 22,20). Diese Erwartung, die, wie wir in Erinnerung gerufen haben, in der Liebe gründet und vom Wirken des Geistes beseelt ist, treibt die Gemeinschaft an, am Tag des Herrn zusammenzukommen, um die göttlichen Geheimnisse zu feiern. Die Eucharistie wird nämlich immer donec veniat gefeiert, das heißt, damit der Herr kommt und in der Gewissheit, dass er kommen wird. Das ist auch der Grund, warum die Märtyrer von Abitene, angeführt von Emeritus, angesichts des Verbots, die Eucharistie zu feiern, ausriefen: „Sine dominico non possumus“, das heißt: „Ohne das Abendmahl können wir nicht leben“.

Kommentar von b. Sandro Carotta, osb
Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)

Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster

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