26. Februar 2023
Erster Fastensonntag
Jahr A
Dem Vater gefiel der Tod des geliebten Sohnes nicht, aber seine freie Entscheidung, freiwillig für die Rettung der Welt zu sterben.
Das Matthäus-Evangelium können wir in drei große Bögen unterteilen. Im ersten stellt der Evangelist die Frage nach der Herkunft Jesu (vgl. Mt 1,1–4,16); im zweiten erzählt er von seiner Mission (vgl. Mt 4,17–16,2); im dritten führt er uns in das Ostergeheimnis ein, das heißt in seinen Tod und seine Auferstehung (vgl. Mt 16,21–28,20). Im ersten Bogen, in den der Abschnitt für diesen ersten Fastensonntag eingefügt ist, haben wir eine Art Diptychon in sieben Szenen. Mt 1,1–2,3, handelt von der Zeugung und Kindheit Jesu (vier Szenen). In Mt 3,1–4,16 sind dagegen drei große Offenbarungen zusammengefasst. Der erste ist am Jordan, bei der Taufe; der zweite in der Wüste, bei den Versuchungen; der dritte in Galiläa, wo Jesus sein öffentliches Wirken beginnt. Am Jordan offenbart sich Jesus als Sohn Gottes; in der Wüste als gehorsamer Sohn; in Galiläa als der Sohn, der gekommen ist, um das Reich Gottes zu verkünden. Wir wollen uns nur auf einen Ausdruck aus Matthäus beschränken, wo wir lesen, dass Jesus vom Geist in die Wüste geführt wurde (Mt 4,1). Der Geist war am Jordan auf ihn herabgekommen (vgl. Mt 3,16), nun führt er ihn in die Wüste. Es ist offensichtlich, dass es eine Verbindung zwischen den beiden Episoden gibt; bei der Taufe kommt der Geist auf Jesus herab und der Vater offenbart ihn als den geliebten Sohn. In der Wüste hingegen ist Jesus dazu aufgerufen, dieses Ereignis zu verinnerlichen, sich seine berufliche Identität zu eigen zu machen. Aber Matthäus stellt, wie bereits erwähnt, fest, dass Jesus geführt wurde. Dieses Passiv drückt seine ganze Fügsamkeit aus (er wird nicht gezwungen). In einer schönen Predigt schrieb Abt Isaac della Stella: „Mein Herr Jesus Christus tut alles, entweder geführt oder gesandt oder gerufen oder befohlen; aus eigenem Antrieb nichts. Gesendet kommt er in die Welt, geführt geht er in die Wüste, gerufen steht er auf von den Toten. Zur Leidenschaft aber eilt er spontan und aus eigenem Willen“, weil er dort das Ja der Liebe sagen muss. Es ist genau diese Spontaneität, die dem Vater gefallen wird, wie ein anderer großer Zisterziensermönch, der heilige Bernhard, uns daran erinnert: Non mors placuit sed voluntas sponte morientis. (Nicht sein Tod hat dem Vater gefallen, sondern sein Gehorsam bis zum Tod.) Der Vater war nicht über den Tod des geliebten Sohnes erfreut, sondern über dessen freie Entscheidung für die Erlösung der Welt zu sterben.
Commentary by b. Sandro Carotta, osb Abbazia di Santa Maria – Praglia (Italia)
Übersetzung von fr. Daniel Tibi, Abtei Kornelimünster